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Neuigkeiten

07.01.2010

Interviews (aktualisiert 3.12.2011)

«Die dünne Luft am Gipfel» / mit Ueli Steck (Profibergsteiger, Schweizer Monat 992 / Dezember 2011)

«Spiel mit dem Feuer» / mit Fredmund Malik (Managementtheoretiker, SM-Sonderbeilage «Unternehmerische Verantwortung» / Dezember 2011)

«It's the sun, stupid!» / mit Fred Singer (Atmosphärenphysiker, Schweizer Monat 992 / Dezember 2011)

«Das ist grauenhaft!» / mit Michael Theurillat (Schriftsteller, Literarischer Monat #04 / Dezember 2011)

«Rambazamba an der Langstrasse» / mit Stephan Pörtner (Schriftsteller, Literarischer Monat #04 / Dezember 2011)

«Der Schweizer Erzähler» / mit Peter Stamm (Schriftsteller, Literarischer Monat #03 / Oktober 2011)

«Kunstblasen und Kulturimperialismus» / mit Richard Armstrong (Direktor des Guggenheim Museums in New York und der gleichnamigen Stiftung), Schweizer Monat 990 / Oktober 2011)

«Vom sanften Monster» / mit Hans Magnus Enzensberger (Schiftsteller, Schweizer Monat 989 / September 2011 & St. Galler Tagblatt)

«Die Anti-Pointen-Autorin» / mit Melinda Nadj Abonji (Schriftstellerin und Trägerin des Deutschen und Schweizer Buchpreises 2010, Literarischer Monat #02 / Juli / August 2011)

«Das Alberne, Schöne und Traurige dazwischen» / mit Regina Dürig (Schriftstellerin, Literarischer Monat #01 / Mai 2011) 

«Einstein würde sich im Grabe umdrehen» / mit Vince Ebert (Kabarettist, Schweizer Monat 986 / Mai 2011)

«Das Laute ist hierzulande unproduktiv» / mit Tim Krohn (Schiftsteller, Schweizer Monat 985 / April 2011, mit Florian Rittmeyer)

 

Seit März 2011 erscheint monatlich die «Nacht des Monats» im «Schweizer Monat». Bisherige Teilnehmer:

Andreas Thiel (Kabarettist, Ausgabe 984 / März 2011)
Christa de Carouge (Designerin, Ausgabe 985 / April 2011) 
Sina (Musikerin, Ausgabe 986 / Mai 2011) 
Simon Libsig (Poet, Ausgabe 987 / Juni 2011) 
Lea Lu (Musikerin, Ausgabe 988 / Juli / August 2011) 
Adrian Mueller (Photograph, Ausgabe 989 / September 2011)
Isabelle Krieg (Künstlerin, Ausgabe 990 / Oktober 2011)
Marlis Solér und Jean-Louis Villars (Alpwirte, Ausgabe 991 / November 2011)
Roland Wagner (Medienkünstler, Ausgabe 992 / Dezember, Januar 2011/2012) 


Artikel

Die Ästhetik des Abstossenden (Buchrezension zu Tony O'Neill: Sick City)
(erschienen in Schweizer Monat 989, September 2011) 

Die Schweiz und Europa (Buchrezension zu Cottier/Liechti-McKee: Die Schweiz und Europa)
(erschienen in NOVOargumente 110/111, 1-4 2011) 

Politik, Probleme und Papiergeld - Was Alan Greenspan von Mephisto hätte lernen können
(erschienen in NOVOargumente 99, 3-4 2009) 

Ein Roman über Hysterie - Klaus Modick
(erschienen in Westfalenpost, 31.1.2009)  

Hermann Hesse - Die Weltanschauung eines freiheitssuchenden Windbeutels
(erschienen in ef71, April 2007)

Stefan Zweig - Chronist einer untergehenden Welt
(erschienen in ef75, September 2007)

Pedro Juan Gutierrez - Schallendes Echo aus dem kommunistischen Paradies
(erschienen in ef75, September 2007) 

Bombardement

18.09.2011

Text vom 18.09.2011, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: The Jezabels ~ Austerlitz

In der Ferne ein Blitz, gefolgt von einem Donner. Zu meiner Rechten rieselt es leise von zerbrochenen Fensterbänken, auf Häufchen, die man wieder zu Beton formen kann. Wenn es vorbei ist. Die andere Strassenseite: ein fauliges Altweibergebiss aus Stein und Stahl, auf dem zwei Krähen sitzen. Rauchfahnen, die ungestört von Winden aufsteigen. Pfützen auf dem Kopfsteinpflaster, das sie zu Kies gebombt haben. Diesmal dann nur ein Donner, kein Blitz.

An der einen Hand dich, an der anderen eine beinahe gerauchte Zigarette. Es ist still. Ein Schleier aus Staub, der im einsetzenden Regen zu braungrünem Wasser wird. An den Brocken, an den Resten einer Zivilisation herab fliesst. Weiter vorn rennt jemand zwischen den Ruinen. Ein junger Soldat mit blonden Haaren, die im Zwielicht beinahe gelb aussehen, lässt sein Sturmgewehr fallen, verlangsamt den Schritt, kehrt zurück, liest es wieder auf und rennt weiter. Einen Helm hat er nicht. Als er um eine Ecke verschwindet, blitzt es im verhangenen Himmel, der Donner hallt durch das, was sie von unseren Gassen übrig liessen. Russ, überall Russ. Auf deinem Gesicht, auf dem Blütenkleid des toten Mädchens, das da hinten liegt, als habe sie jemand genau dort installieren wollen. Ein Fuss in einer Socke, die sich an einer Pfütze tränkt, der andere nackt. Die Augen geschlossen, kein Teddybär. Ein Arm ausgestreckt, der andere geschmolzen. Den Mund nur so weit geöffnet, dass ein rosafarbenes Kaugummi im Mundwinkel hängen geblieben ist, als es passierte.

Die zweite Nacht des Bombardements wich einem rostigen Morgen. Es ist nicht kalt. Die Feuer wärmen. Aus einem Schutthaufen ragt ein metallener Baum, dessen krumme Äste Betonklumpen wie Früchte tragen. Hier und dort Soldaten, die auf Trümmern hockend in ihrem Feldgeschirr herumstochern, blasse Spaghetti in die Münder saugen. Einer zerrt kurz vor Mittag das Mädchen über den Platz, lässt es bei einigen anderen liegen. Niemand sagt ein Wort.

Wir lehnen an den Resten einer Backsteinmauer. An ihrer linken Seite ragt ein Emailleschild in die Luft: Bäckerei Haumann. Du hast deinen Kopf auf meine Schulter gelegt, das verstaubte Haar fliesst dir ins Gesicht. Es hat aufgehört zu regnen. Niemand hatte es kommen sehen. Nicht die Journalisten, nicht die Politiker und schon gar nicht Herr Haumann, der bereits in der ersten Nacht alles verlor. 

Am Abend schickt man uns zurück unter die Erde. Der Bunker funktioniert wie eine H&M-Umkleidekabine. Du benetzt deinen Zeigefinger mit Speichel, als wir uns vor den schweren Metalltüren einreihen und Nummern erhalten. Du fährst mit dem feuchten Zeigefinger über meine staubigen Lippen, als wir zu 1124 und 1125 werden. „Ich liebe dich.“ sagst du zum ersten Mal seit Jahren. Ich will dir sagen, dass ich dich mehr als jemals sehen kann, deine blauen Augen den Wahnsinn erträglicher machen. Aber ich lächle bloss. Und als du auch lächelst, gibt die getrocknete Staubschicht über den Lachfalten deiner Augen die Haut preis. Haut hat eine Farbe, die man allzu leicht vermisst. Und als wir Schutz suchen vor der dritten Nacht, in die abgestandene Luft des dunklen Kellers zurückkehren, sagst du, dass wir schön sind. Dass wir zusammen schön sind. 

Text vom 26.06.2011, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: The Jezabels ~ Hurt Me

Samstagnachmittag. Am Morgen muss die Putzfrau in der Redaktion gewesen sein, denn auf dem Boden liegen keine Styroporkügelchen von unserer Aufräumaktion mehr. Auch die weisse Schreibtischplatte ist befreit von Tabakkrümeln und Kaffeetassenrändern. Die Luft in der Redaktion steht. Ich warte auf den Anruf von Hans Magnus Enzensberger, der nun im Hotel angekommen sein dürfte, und blättere in einem Kadmos-Bändchen über Luhmann-Lektüren, das ich immer dann zur Hand nehme, wenn ich meine Zeit nicht sinnvoller nutzen kann. Jetzt bin ich nervös, kann mich nicht konzentrieren. Der Text von Norbert Bolz, bei dem ich während Tram- und Busfahrten etwa rund jeden dritten Satz vollständig verstehe, ist in diesem Zustand unzumutbar. Klar wird nur, dass er Habermas in die Pfanne haut, weil der dazu neigt, soziologische "Einschüchterungsvokabeln" zu benutzen. "Konsens" und "Lebenswelt" seien seine Lieblingswörter. Spannend. "Konsens ist Nonsens" schreibt Bolz jetzt. Ich schaue auf die Uhr, blättere dann ein Paar Seiten weiter zum Gumbrecht-Text. Achgott, denke ich, dann klingelt das Telefon.

Hans Magnus Enzensberger ist so, wie Angelika Overath kürzlich meinte: ruhig, herzlich und witzig. Und er raucht. Wahnsinn, wie der raucht! Eine goldene Packung Benson & Hedges schlummert in seinem sonderbar albernen Lederetui, alle paar Minuten holt der Münchner eine Zigarette heraus, rollt sie in der geschlossenen Hand, während er erzählt – und hält dann ein grasgrünes BIC-Feuerzeug ans fransige Ende, um sich daraufhin auf die Ellenbogen zu stützen und zu rauchen, wie die Menschen, die man in den ersten deutschen Nachkriegsfarbfilmen rauchen sieht. Er trägt einen himmelblauen Anzug, der an Segelkataloge erinnert. Und cognacfarbene Schuhe. Sein weisses Haar ist dünner als auf den Bildern der letzten SPIEGEL-Interviews mit ihm. Die hat übrigens Mattussek geführt, grinsend steht er da mit dem Intellektuellen in seiner Schwabinger Stube. Enzensberger hat sich per Mail geziert, mir eine konkrete Zusage für ein Interview zu machen. Er hat sich informiert und schlägt vor, stattdessen eine "Nacht des Monats" ins Auge zu fassen. Bisher waren wir schliesslich nur auf ein Glas Wein verabredet. Nach einer Dreiviertelstunde sind es nun schon derer drei. Das Diktiergerät läuft, während Enzensberger raucht – und sich tatsächlich Gedanken über den Rückbau der EU macht.

Sonntagsmorgens um neun Uhr aufstehen, sich hübsch machen fürs Schauspielhaus und dann dort in dumpfem Licht zwischen achsointeressierten Lesungsbesuchern Alkoholfahnen absondern – das sind beim Blick auf den Wecker nicht unbedingt die schönsten Aussichten. Aber gut, ich habe es versprochen, stehe auf dieser Liste und bin ihm den Besuch schuldig. Ihm und seiner Frau, deren Vorname ich vergessen habe. Letztlich sind es drei Stunden, fünf Gläser Wein und ein vollwertiges Abendessen geworden, gestern. Als Hans Magnus Enzensberger an diesem Morgen (nach dem wie immer bestens vorbereiteten und stets überschwänglich komplimentierenden - sagt man das so...? – Martin Meyer von der NZZ) liest, macht er noch spannendere Bewegungen als gestern beim Rauchen. Wie beim Küssen klappt er knieabwärts hinten das Bein ab und schüttelt kurz den rechten Fuss. Bei Pointen lehnt er sich über das Pult, hebt den Zeigefinger. Hin und wieder grinst er verschmitzt. Trägt Gedichte in insgesamt fünf Sprachen vor. Dazwischen beschwert er sich publikumswirksam über die eigene Zettelwirtschaft. Hin und wieder rieseln DIN A4-Blätter vom Pult auf die Bühne, was er während des Lesens nicht einmal bemerkt. Es ist eine Freude, ihm zuzusehen. 

Ganz anders das folgende "Gespräch" mit Georg Kohler. Der erklärt erstmal, dass er ja Philosoph sei, aber auch mal Germanistik gemacht habe. Seine Vorbereitung auf das Gespräch beschränkte sich offenbar darauf, dass er den Titel von Enzensbergers Lyrikband ("Geisterstimmen") zur Kenntnis genommen hatte. In diesen versucht er in den folgenden dreissig Minuten penetrant so viel hineinzuinterpretieren, dass er damit ausnahmslos allen im Saal auf die Nerven ging. Hätte Enzensberger ihm nicht pointenreich (aus dem Kopfschütteln der Hörer wurde haltloses Gelächter) seinen Heidegger ausgetrieben, Kohler hätte das gesamte Gespräch wohl ausschliesslich mit sich selbst geführt. Unausgesprochen der Wunsch des Publikums, man möge den Philosophen doch erlösen und Enzensberger stattdessen das Telefonbuch vorlesen lassen. Allein der Spannung wegen. 

Als Hans Magnus Enzensberger nach langem Applaus die Bühne verlässt, hat er es eilig. Ich glaube, ich weiss, was er vorhat. Er will zu seinem sonderbar albernen Zigarettenetui. Ein bis zwei tiefe Züge im ruhigen Hinterzimmer nehmen, den Kopf über Heidegger schütteln und lachend die kurzen und dünnen Augenbrauen hochziehen. 

Text vom 30.04.2011, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: Blue Sky Black Death ~ And Stars, Ringed

Blumenkohlknospende, weisse Wolken. Über den Bergspitzen, wachsend, langsam sich aufstellend, plusternd, am Rand bedrohlich ausfransend. Dick genug, um den Sonnenstrahlen dazwischen nur schmale Wege zu lassen.

Wir, liegend, auf der anderen Seite des grossen Sees und in neongrünen Wiesen, die neu wie geputzt aussehen. Du, mit deiner furchtbaren Sonnenbrille und der vom Winter strapazierten, hellen Haut, die so schnell rot wird. Ich, mit Haaren, zu vielen Haaren im Gesicht und obenauf, und einer blutenden Wunde an der rechten Schläfe. Vom langen Abstieg durch das Geäst. Wenn ich sie mit dem Zeigefinger berühre und ihn danach langsam in den Mund schiebe, schmecke ich mich metallisch, salzig vom Schweiss. Du weisst das, denn du hast die Wunde eben schon geküsst. Es hat ein wenig gebrannt, aber das habe ich dir natürlich nicht gesagt. Und auf deiner trockenen Oberlippe ist der blutige Klecks getrocknet. Du hast gefragt, ob mir das gefällt. Und wie, habe ich gesagt. Freut dich das? 

Wenn du so daliegst und schläfst, will ich dich nicht fragen. Dein Mund ist ein wenig geöffnet. Ich frage mich, ob Tiere hineinfliegen, von dieser Wiese. Und hast du vielleicht einen Sonnenbrand? Muss man sich darüber überhaupt Sorgen machen? Bald darauf ist mir so etwas wieder egal. Ich habe einen grossen Fehler gemacht und werde dir davon nichts erzählen. Nein, sicher nicht. Ich werde das einfach beenden. Danach eine oder zwei Packungen rauchen. Vielleicht mit den neuen Freunden trinken gehen. Genaugenommen waren es vier bis fünf Fehler. Und du hast das sicher nicht verdient. Erst recht nicht, wenn du so daliegst. Erst recht nicht, wenn du meine Wunde so zärtlich behandelst. Und erst recht nicht, weil das meine Sache ist. Meine Wunden sind meine Sache.

Ich schaue weg. Das sollte nicht passieren, denke ich. Vor allem nicht sechs bis sieben mal. Meine rechte Hand streift nur beinahe abwesend über die Grashalme. Gegenüber rumpeln die Wolken, die uns in schon drei Minuten die Sonne abschneiden. Als ich wieder zu dir schaue, lächelst du unter der Sonnenbrille. Bist du wach? Hast du mir zugehört? 

Ich überlege: Ein schöner, aber kein guter Tag.

Schneeweiss

19.01.2011

Text vom 19.01.2011, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: Broken Records ~ The Motorcycle Boy Reigns

Wir liebten uns, dann klebten wir in den Laken und machten Scherze über Zigaretten und Lippenstifte. Sie lachte und schüttelte mit dem Kopf, was ihr die Haare auf dem Kissen zerstreute und das rechte Ohr verknickte. Und dann war da noch das Präsens. Ohne dass wir es tatsächlich bemerkt hatten, schlich es heran und ist dann plötzlich da, benetzt unsere Lippen, so dass wir uns beinahe siezen wollen. So wie morgens auf dem Gang oder abends an der Haltestelle. 

Anders war es an dieser Autobahnraststätte im Herbst zum ersten Mal gewesen. Ein gemeinsamer Kaffee für das Doppelte, alte CDs im Handschuhfach, Krümel von Keksen auf dem Schoss und dann noch Eagle Eye Cherry, eigentlich nur siebzig Kilometer bis zur Messe - aber immerhin schon eingedunkelt und merklich wärmer als auf der Alpennordseite. Und trotzdem hatte der Scheibenwischer keine Arbeit - der Film aus warmem Wasser, er war innen, während und nach diesen Stunden. Ächzend kratzte das Bosch-Ersatzteil über die kleinen Risse und Löcher des Glases, aber als hätten wir die Zungen in Ohren statt in fremden Mündern gehabt, war da eigentlich gar nichts. Nichts wichtiges. Erst danach, als sie sich peinlich die Bluse glattstrich und das Seitenfenster herabsausen liess um hinausschauen zu können, wusste ich, dass wir hätten anderswo sein sollen, statt...

...das war nun alles lang her. Sowohl die Raststätte als auch die beissende Scham und das Sperma. Ich erinnere mich erst jetzt wieder daran, so, als hätte ich zuviel gemacht seither. Und mir kommt grad mehr, es hat mit offenen Mündern zu tun. Und mit geschlossenen Augen, sich hebenden und senkenden Brüsten und sich darauf wohlfühlenden baumwollweissen Schlafshirts. Und alles liegt leise pochend in der Stille ganz nah bei mir, so dass ich es riechen berühren kann. Da sind noch zuckende Lippen, die sich nähernd dumm verweigern wollen. Und zufällig finde ich sogar das Kehlkopfknistern, das sie - ganz nervös - herunterschlucken wollte, wenn sie sich entscheiden musste. Das haben wir alle mal, überlege ich. Es ist gar nichts besonderes, nichts, was nur dort knistert und klumpt, sondern auch überall und dort im Schnitt. Lange nicht erinnert, trotzdem. Und ganz komisch, wenns dann so wiederkommt, dass man sich gar nicht wehren kann. 

Vielleicht liegt es daran, dass sie sich kaum verändert hat. Einzig ihre Fingernägel, die sind abgenagt und stumpf. Ja, richtig, und die Haare, aber das stört mich nicht mehr. Sie starrt an die Decke und lächelt, hat die Arme hinter den Kopf auf die Kissen verkreuzt und wackelt am Fussende mit ihren Zehen, so dass ich sie sehen soll. Wir sind erwachsener geworden in den sechs Jahren, denke ich mir. Wir ficken nicht mehr, wir tun stattdessen so, als würden wir uns lieben. 

neuschnee

03.12.2010

immernoch

25.11.2010

Lindenhof

14.11.2010

Heute, Sonntagnachmittag. Lindenhof. Ein Panorama mit Boule-Linken und Geisterschaukeln. 

Doves ~ Andalucia

12.11.2010

Gummibärchen

02.11.2010

Text vom 02.11.2010, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: Nadia Ali - Rapture (Avicii New Generation Extended Mix)

Ein Dienstagabend im Lakeside Zürich. Bevor ich geschlagene 17 Minuten auf den 33er gewartet habe (Verkehrsüberlastung: der Bus, der dann kam, fuhr auch nicht zum Tiefenbrunnen sondern einfach nur bis Botanischer Garten...), empfahl mir last.fm noch einen Titel Nadia Alis. Das ist eine von diesen Frauen, die ihre Stimme in billigen Housetracks wiederfinden, weil sie im Studio das Kleingedruckte nicht lesen. Dachte ich immer. Aber sie hat 300.000 Freunde auf Facebook und irgendwer hat ihrer Stimme jetzt einen ganzen Remixsampler gewidmet. Wie kam ich drauf? Richtig, last.fm hat ihn mir empfohlen. Aufgrund meines verabscheuungswürdigen Hangs, hin und wieder Schiller und Chicane zu konsumieren. Nun, also...ich habe den Titel angehört, es war einer von der neuen CD und ist auch hier verlinkt - und weiss bis jetzt gerade nicht, ob ich den mögen darf oder nicht, weil es in meinem Freundeskreis so unglaublich viele Leute gibt, die solche Titel für Schallwellenscheisse halten und ich mir immer meine Reputation versaue, wenn ich sowas öffentlich empfehle. Sei es drum, ich hatte den Song den Rest des Abends im Ohr. 

Ich war im Lakeside. Das ist dort, wo ich im Sommer immer schwimmen war. Ein bei Tag monsterhässlicher Betonklotz am Zürichhorn - nachts irgendwie etwas spezieller. Grossveranstaltung von "News Aktuell", die wurden 10 Jahre alt. Und hatten zum Apero eingeladen. Und eine Talkrunde zum Thema Social Media angekündigt. Ersterer war sehr lecker (Trockener italienischer Rotwein, Fingerfood usw. das Übliche), letzterer langweilig. 

Wieso erzähle ich das? Nun, es gab Gummibärchen. In diesen kleinen Tüten mit Werbeaufdruck von "News Aktuell". Und die lagen auf jedem Stuhl im Konferenzraum. Und natürlich sind Gummibärchen in kleinen Plastiktütchen an PR-Talk-Veranstaltungen völlig deplaziert. Niemand rührt sie an, weil sie dabei laut knistern. Niemand spielt mit dem Gedanken, sie einfach aufzureissen und schnell einzuwerfen. Niemand ausser mir. 

Erst setzt sich aber noch diese Frau neben mich. Sie ist zu spät, die Tür war eigentlich schon zu. Das stört sie nicht, mit einem freundlich-bestimmten Lächeln setzt sie sich neben mich. Und irgendwann schnupft sie sich laut die Nase. Niest. Das ganze Programm. Sogar ihr Handy klingelt irgendwann. Pflichtbewusst lächelt sie mich danach an, zieht kurz die Schultern hoch und tut, als sei es ihr peinlich. Ist es aber gar nicht.

Sie ist eine hübsche Person. Dunkle Haare, praktisch zusammengebunden. Ziemlich gerade Schultern, zum Teil verdeckt von einem Schal, der etwas gross geraten ist. Betonte Wimpern, eine Nase, die bestimmt vor ein paar Monaten noch voller Sommersprossen war. Und sie grinst bei manchen Sätzen der Podiumsdiskutanten leise. Ich sehe das natürlich nur, weil ich manchmal zu ihr rüberschaue. Einmal knabbert sie an den Nägeln und bemerkt, dass ich hinsehe. Dann zieht sie die Hand schnell weg. Und hustet betreten. Oder einfach, weil sie erkältet ist. 

Ich überlege, diese Gummibärchentüte aufzumachen, die da auf dem Stuhl zwischen uns liegt. Doch dann schaue ich noch einmal hoch zu den vermeintlichen Social Media-Experten, die gerade irgend etwas über die sterbenden Internetforen herumschwadronieren. Der Typ ganz links behauptet dann, Facebook hätte alle anderen einfach verdrängt. Irgendwer weiter vorne schüttelt den Kopf.

Und dann knistert es rechts neben mir. Zweimal kurz, dann einmal lang, schaue ich herüber. Sie hat die Gummibärchentüte genommen. Und versucht, sie aufzumachen. Vor uns dreht sich eine Frau mit grauen Haaren um, will offenbar wissen, woher der Lärm kommt. Dann weiter vorne ein Typ im Schlips. Weiter rechts eine Frau in Batik, die auch schon den Mund leicht geöffnet hat. Das alles merkt sie gar nicht. Sie hat übrigens ein Namensschild auf ihre schwarze Bluse geklebt, das ich nicht lesen kann von hier aus. Irgendwas mit "Zürich", aber das kann ja hier alles sein. Als ich von dem Schild auf ihrer linken Brust hochschaue, blickt sie mich kauend an. Sie isst meine Gummibärchen und glaubt, ich hätte ihr dabei auf die Möpse gestarrt. 

Nun beginnt es auch hinter mir zu rascheln. Und die Frau in Batik hat ihr Tütchen auch schon in der Hand. Plötzlich machen alle ihre Bärchen auf. Sie, und nur sie, grinst. Und kaut. Das sehe ich irgendwie aus dem Augenwinkel. Dann grinse ich auch. 

Der Apero mit zwei Gläsern Wein und einer Zigarette auf der Seeterrasse des Lakeside ist langweilig. Ich kriege die Zähne nicht auseinander, schaue nur aufs Wasser und hin und wieder in den hell beleuchteten Saal links neben mir. Sie steht an einem Strehtisch und redet mit einem Typen, der ihr Grossvater sein könnte - oder ein Ex-Prof von der Uni. Oder sonstwer. Nachdem ich meine Runde gedreht habe, um so zu tun, als sei ich beschäftigt, ist der Stehtisch leer. Ich trinke das dritte Glas aus, stelle es ab. Auf dem Weg zur Garderobe nehme ich noch so eine Frühlingsrolle vom Tablett eines herumstreunenden Kellners. Ziemlich gutes Ding, diese Frühlingsrolle. Und als ich die Treppe herunter komme, sehe ich, dass sie noch an der Garderobe steht. Der Grossvater ist weg. Als ich neben ihr stehe und das Märkchen für den Mantel aus der Sakkotasche fummle, sieht sie mich, grinst und sagt "Schönen Abend."

Dann wirft sie sich so ein unfassbar riesiges schwarzes Teil um. So eines, das man dreieckig falten muss und dann noch besonders lasziv ohne Träger auskommt, wenn man es vor der Brust festhält. Und geht.

"Gleichfalls." 

Okay, Typ, was machst du jetzt? Wenn du raus kommst, und sie geht nicht zum Tram, sondern ganz woanders hin, gehst du ihr nach? Und was, wenn sie zum Tram geht? Sagst du etwas? Und wenn ja, wann? Auf dem Weg schon? An der Haltestelle oder...nun, es ist kalt draussen. Ich klappe den Mantelkragen hoch und hänge die Tasche nicht um, sondern klemme sie unter den Arm. Ich schaue unbeteiligt nach links und rechts und sie steht rechts, entknotet das Schloss an ihrem Fahrrad/Velo. Sie schaut zum Lakeside-Eingang. Schaut zu mir rüber. 

Sie hat keinen Ring an den Händen, die die Tüte aufgerissen haben. Sie hat auch keine teure Uhr am Handgelenk. Sie hat aber ein Fahrrad/Velo. Und trinkt Rotwein.

Als ich nur noch zwei Meter von ihr entfernt bin, schaut sie mich wieder an und lächelt. "Old School." sage ich. Und das ist fast so blöde, wie "Trendy" oder "Hip", aber es passiert halt. "So mit dem Fahrrad." Der Satz macht den Rest nicht besser, ich weiss.

Aber sie lächelt und sagt "Gell?". Und ich lächle. Gehe aber einfach weiter. Ist das nicht schrecklich? Als sie hinter mir ihr Fahrrad/Velo ausparkt, drehe ich mich im Gehen noch einmal um und bleibe dann stehen. "Sag..." frage ich. "Gehen wir noch einen Wein trinken? Oder ein Bier? Oder Tee?"

Und sie fragt "Wieso?"

Wieso fragt sie wieso? Ist doch klar. 

"Weil du die erste warst, die die Gummibärchen aufgemacht hat." sage ich. 

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