Text vom 02.11.2010, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: Nadia Ali - Rapture (Avicii New Generation Extended Mix)
Ein Dienstagabend im Lakeside Zürich. Bevor ich geschlagene 17 Minuten auf den 33er gewartet habe (Verkehrsüberlastung: der Bus, der dann kam, fuhr auch nicht zum Tiefenbrunnen sondern einfach nur bis Botanischer Garten...), empfahl mir last.fm noch einen Titel Nadia Alis. Das ist eine von diesen Frauen, die ihre Stimme in billigen Housetracks wiederfinden, weil sie im Studio das Kleingedruckte nicht lesen. Dachte ich immer. Aber sie hat 300.000 Freunde auf Facebook und irgendwer hat ihrer Stimme jetzt einen ganzen Remixsampler gewidmet. Wie kam ich drauf? Richtig, last.fm hat ihn mir empfohlen. Aufgrund meines verabscheuungswürdigen Hangs, hin und wieder Schiller und Chicane zu konsumieren. Nun, also...ich habe den Titel angehört, es war einer von der neuen CD und ist auch hier verlinkt - und weiss bis jetzt gerade nicht, ob ich den mögen darf oder nicht, weil es in meinem Freundeskreis so unglaublich viele Leute gibt, die solche Titel für Schallwellenscheisse halten und ich mir immer meine Reputation versaue, wenn ich sowas öffentlich empfehle. Sei es drum, ich hatte den Song den Rest des Abends im Ohr.
Ich war im Lakeside. Das ist dort, wo ich im Sommer immer schwimmen war. Ein bei Tag monsterhässlicher Betonklotz am Zürichhorn - nachts irgendwie etwas spezieller. Grossveranstaltung von "News Aktuell", die wurden 10 Jahre alt. Und hatten zum Apero eingeladen. Und eine Talkrunde zum Thema Social Media angekündigt. Ersterer war sehr lecker (Trockener italienischer Rotwein, Fingerfood usw. das Übliche), letzterer langweilig.
Wieso erzähle ich das? Nun, es gab Gummibärchen. In diesen kleinen Tüten mit Werbeaufdruck von "News Aktuell". Und die lagen auf jedem Stuhl im Konferenzraum. Und natürlich sind Gummibärchen in kleinen Plastiktütchen an PR-Talk-Veranstaltungen völlig deplaziert. Niemand rührt sie an, weil sie dabei laut knistern. Niemand spielt mit dem Gedanken, sie einfach aufzureissen und schnell einzuwerfen. Niemand ausser mir.
Erst setzt sich aber noch diese Frau neben mich. Sie ist zu spät, die Tür war eigentlich schon zu. Das stört sie nicht, mit einem freundlich-bestimmten Lächeln setzt sie sich neben mich. Und irgendwann schnupft sie sich laut die Nase. Niest. Das ganze Programm. Sogar ihr Handy klingelt irgendwann. Pflichtbewusst lächelt sie mich danach an, zieht kurz die Schultern hoch und tut, als sei es ihr peinlich. Ist es aber gar nicht.
Sie ist eine hübsche Person. Dunkle Haare, praktisch zusammengebunden. Ziemlich gerade Schultern, zum Teil verdeckt von einem Schal, der etwas gross geraten ist. Betonte Wimpern, eine Nase, die bestimmt vor ein paar Monaten noch voller Sommersprossen war. Und sie grinst bei manchen Sätzen der Podiumsdiskutanten leise. Ich sehe das natürlich nur, weil ich manchmal zu ihr rüberschaue. Einmal knabbert sie an den Nägeln und bemerkt, dass ich hinsehe. Dann zieht sie die Hand schnell weg. Und hustet betreten. Oder einfach, weil sie erkältet ist.
Ich überlege, diese Gummibärchentüte aufzumachen, die da auf dem Stuhl zwischen uns liegt. Doch dann schaue ich noch einmal hoch zu den vermeintlichen Social Media-Experten, die gerade irgend etwas über die sterbenden Internetforen herumschwadronieren. Der Typ ganz links behauptet dann, Facebook hätte alle anderen einfach verdrängt. Irgendwer weiter vorne schüttelt den Kopf.
Und dann knistert es rechts neben mir. Zweimal kurz, dann einmal lang, schaue ich herüber. Sie hat die Gummibärchentüte genommen. Und versucht, sie aufzumachen. Vor uns dreht sich eine Frau mit grauen Haaren um, will offenbar wissen, woher der Lärm kommt. Dann weiter vorne ein Typ im Schlips. Weiter rechts eine Frau in Batik, die auch schon den Mund leicht geöffnet hat. Das alles merkt sie gar nicht. Sie hat übrigens ein Namensschild auf ihre schwarze Bluse geklebt, das ich nicht lesen kann von hier aus. Irgendwas mit "Zürich", aber das kann ja hier alles sein. Als ich von dem Schild auf ihrer linken Brust hochschaue, blickt sie mich kauend an. Sie isst meine Gummibärchen und glaubt, ich hätte ihr dabei auf die Möpse gestarrt.
Nun beginnt es auch hinter mir zu rascheln. Und die Frau in Batik hat ihr Tütchen auch schon in der Hand. Plötzlich machen alle ihre Bärchen auf. Sie, und nur sie, grinst. Und kaut. Das sehe ich irgendwie aus dem Augenwinkel. Dann grinse ich auch.
Der Apero mit zwei Gläsern Wein und einer Zigarette auf der Seeterrasse des Lakeside ist langweilig. Ich kriege die Zähne nicht auseinander, schaue nur aufs Wasser und hin und wieder in den hell beleuchteten Saal links neben mir. Sie steht an einem Strehtisch und redet mit einem Typen, der ihr Grossvater sein könnte - oder ein Ex-Prof von der Uni. Oder sonstwer. Nachdem ich meine Runde gedreht habe, um so zu tun, als sei ich beschäftigt, ist der Stehtisch leer. Ich trinke das dritte Glas aus, stelle es ab. Auf dem Weg zur Garderobe nehme ich noch so eine Frühlingsrolle vom Tablett eines herumstreunenden Kellners. Ziemlich gutes Ding, diese Frühlingsrolle. Und als ich die Treppe herunter komme, sehe ich, dass sie noch an der Garderobe steht. Der Grossvater ist weg. Als ich neben ihr stehe und das Märkchen für den Mantel aus der Sakkotasche fummle, sieht sie mich, grinst und sagt "Schönen Abend."
Dann wirft sie sich so ein unfassbar riesiges schwarzes Teil um. So eines, das man dreieckig falten muss und dann noch besonders lasziv ohne Träger auskommt, wenn man es vor der Brust festhält. Und geht.
"Gleichfalls."
Okay, Typ, was machst du jetzt? Wenn du raus kommst, und sie geht nicht zum Tram, sondern ganz woanders hin, gehst du ihr nach? Und was, wenn sie zum Tram geht? Sagst du etwas? Und wenn ja, wann? Auf dem Weg schon? An der Haltestelle oder...nun, es ist kalt draussen. Ich klappe den Mantelkragen hoch und hänge die Tasche nicht um, sondern klemme sie unter den Arm. Ich schaue unbeteiligt nach links und rechts und sie steht rechts, entknotet das Schloss an ihrem Fahrrad/Velo. Sie schaut zum Lakeside-Eingang. Schaut zu mir rüber.
Sie hat keinen Ring an den Händen, die die Tüte aufgerissen haben. Sie hat auch keine teure Uhr am Handgelenk. Sie hat aber ein Fahrrad/Velo. Und trinkt Rotwein.
Als ich nur noch zwei Meter von ihr entfernt bin, schaut sie mich wieder an und lächelt. "Old School." sage ich. Und das ist fast so blöde, wie "Trendy" oder "Hip", aber es passiert halt. "So mit dem Fahrrad." Der Satz macht den Rest nicht besser, ich weiss.
Aber sie lächelt und sagt "Gell?". Und ich lächle. Gehe aber einfach weiter. Ist das nicht schrecklich? Als sie hinter mir ihr Fahrrad/Velo ausparkt, drehe ich mich im Gehen noch einmal um und bleibe dann stehen. "Sag..." frage ich. "Gehen wir noch einen Wein trinken? Oder ein Bier? Oder Tee?"
Und sie fragt "Wieso?"
Wieso fragt sie wieso? Ist doch klar.
"Weil du die erste warst, die die Gummibärchen aufgemacht hat." sage ich.