blogage.de > ...vielzuvieleworte
  Anmelden | Login

...Sie haben diese Seite gefunden. Etwa 35% der Besucher dieses Blogs kommen über Links in Social Networks (last.fm 90% / xing 10%) hierher, weitere 55% kennen mich, machen also regelmäßige Kondolenzbesuche über die Favoritenliste...und der Rest hat wahrscheinlich einfach nen schlechten Tag gehabt. Hallo.

Alles was hier zu finden ist, schwankt –meist betrunken und wild– zwischen intellektuell aufgebrezelten Kommentaren zur täglichen Rückverdummung eines ganzen Landes, schwer verdaulichen Ideen zur sozialen "Distinktion" (Franca) des massengepeinigten Individuums und...es erfüllt mich mit Stolz..."ganz übler Selbstdarstellerscheiße" (Fabian). Dazwischen, eher dezent eingeflochten, so dass es niemand wirklich merkt, finden sich literarische Erzeugnisse, die in unregelmäßigen Abständen (oft auch in der großen Pause) entstehen und eigentlich nie zu Ende geschrieben sind. Sie enthalten dafür aber besonders viele Schimpfworte. Letztere erfüllen keinen bestimmten Zweck. Hierin ähneln sie dieser, sich nun dem wohlverdienten Ende neigenden, Einleitung.

Ich bin übrigens vor und nach der großen Pause sowohl Privatier als auch Journalist, und damit man mir nicht nachsagen kann, letztere Bezeichnung hätte ich mir nur gegeben, weil sie kostenlos und wunderbar euphonisch ist, habe ich hier einige Arbeitsproben hochgeladen. 

Zu "moron.jpg" (laut Blog-Statistik ebenfalls ein nicht zu vernachlässigender Anlass für Besuche dieser Seite) geht es hier lang, ich wünsche einen augenzwinkernd-angenehmen Aufenthalt. 

Text vom 07.03.2010, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: Sinead O'Connor ~ Black Coffee

"An guten Ratschlägen für einen gesunden Lebenswandel war noch nie Mangel: mehr Obst und Gemüse, weniger Zigaretten und mehr Bewegung! Gebote und Verbote, die alle ihre Berechtigung haben – wirklich Spass machen sie nicht. Immerhin hat die Wissenschaft inzwischen aber auch ein paar erfreulichere Resultate zutage gefördert. Rotwein soll Herzkrankheiten vorbeugen, Schokolade ein bisschen glücklicher machen.

Die erstaunlichste Karriere aber ist der Kaffeebohne geglückt. Von all den negativen Nebenwirkungen, die man dem Getränk nachsagte – Herzkrankheiten, Bluthochdruck, Krebs –, ist inzwischen fast nichts mehr übrig geblieben. Im Gegenteil: Kaffee scheint viele gesundheitsfördernde Eigenschaften zu haben."

Erfreuliches für alle Geisteswissenschaftler aus der NZZ von heute...

Text von 23.02.2010, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: Way Out West ~ Future Perfect (Henry Saiz Remix)

Es war einer dieser Abende im Abspann seiner letzten längeren Beziehung. Sie hatte ein ungutes Ende genommen, eigentlich ein verdammt beschissenes sogar, das Ausblenden dauerte dementsprechend viel länger als von ihm vorgesehen. Namen liefen an ihm vorüber, genau wie Bier- und Weinflaschen, die meisten von ihnen, es geht um die Namen, kamen ihm schon bald darauf fremd vor und er hatte Probleme, sich an einige Darsteller seines Lebensabschnitts von Silvester bis zu diesem 17. Oktober zu erinnern. Und auch heute hatte er wieder Telefonnummern gesammelt, mit belanglosen Frauen gesprochen und zu viel Geld für Alkohol ausgegeben. Getreu dem Motto seiner Freunde, die fest entschlossen schienen, ihn zwecks Entzugskur von der Letzten zum Alkoholiker zu machen, ließ er den lieben Gott einen guten Mann sein und verfettete so vor sich hin. Eigentlich, so dachte er manchmal, lief alles blendend. Er hatte genug Geld, um es zu versaufen, genug Freunde, um nicht allein sein zu müssen. Und Sex mit Fremden wurde in Zeitschriften stets als etwas Großartigfrivoles angepriesen. Sein Studium war vorzüglich abgeschlossen, der Vertrag mit einem süddeutschen Verlagshaus für die Fortsetzung seines Debütromans unter Dach und Fach – und nächste Woche, so sah es der Plan vor, sollte es eine große Party geben, auf der er sich von allen verabschieden würde.

Die Realität sah aber in den frühen Morgenstunden dieses 17. Oktober seltsam anders aus. Zum einen lag dies an der ungewohnten Perspektive: Er saß auf einem Bordstein gegenüber seines Lieblingsfastfoodrestaurants der kleinen Studentenstadt in diesem vollständig hinter Wäldern versteckten Teil Nordrhein-Westfalens und starrte vor sich auf den ausnahmsweise trockenen Fahrbahnbelag der Straße. Hin und wieder bekam er von besonders witzigen Passanten, die mehrheitlich aus dem Club kamen, den er auch besucht hatte, einen Klaps auf den Hinterkopf und dann zum Dank im Weitergehen noch einen dummen Spruch zugeworfen. Er äußerte sich nicht dazu, starrte einfach weiter auf die Straße und spielte mit der rechten Hand am Hals einer leeren Weinflasche herum. Er hätte, dachte er bei sich, mit der kleinen Brünetten nachhause gehen sollen. Sie hätte sicher einen guten Fick abgegeben. Bei diesem Gedanken musste er stumm lachen, denn etwas derart Vulgäres dachte oder sagte er nur, wenn er betrunken oder mit den Jungs unterwegs war. Aber sicher war es trotzdem. Sie war wunderbar schlank gewesen, hatte ihre Haare zu einem phantastischen Pferdeschwanz zusammengebunden und wirkte auch nicht so dösig-betrunken wie die x-te Ex-Freundin eines weit entfernt Bekannten – die hatte er nur wenige Minuten vorher angegraben. Nun aber saß er hier, weil er während des Clubbesuchs plötzlich den Gedanken hatte, einmal etwas für seine Person Vernünftiges zu tun, auch wenn das Unvernünftiggeile durchaus im Bereich des Möglichen gewesen wäre. Er saß hier, weil er sich mitten im Gespräch verabschiedet hatte und gegangen war, ohne einen Grund für sein Verschwinden zu nennen. Nun, da er hier saß, bloß in Jeans und V-Ausschnitt-Pullover aber ohne Jacke, wünschte er sich mehrfach, einfach mit ihr heimgegangen zu sein. Kräftiges Schwitzen, lautes Geschrei, klebrige Haare im Gesicht, weit geöffnete Münder und am nächsten Morgen ein von dreckig-feuchten Händen verschmiertes Kopfende des Bettgestells. Er hatte sich für den Bordstein entschieden, und sie, sie wusste davon nichts.

Denn sie ist nicht die kleine Brünette aus dem Club, die von Martin auch nur noch den Vornamen weiß, als sie auf der Tanzfläche ihren wunderbaren Hintern etwas zu weit herausstreckt und den Kopf R’n’B-queenig in den Nacken wirft, sondern sie hat sich mit Freundinnen etwas Essbares geholt. In Martins Lieblingsfastfoodrestaurant. Und als sie mit Laura und Anne auf die Straße tritt und das kleine Salztütchen über den Pommes ausleert, fällt ihr Blick erstmals an diesem Abend auf den zusammengekauerten Martin. Sie lächelt, denn sie kennt Martin von Bildern. Nicht nur vom Facebook, wo er nicht ist aber trotzdem Bilder von ihm existieren, sondern vielmehr von Bildern eines Freundes von ihr, der die beiden einander aber nie vorstellen konnte, weil er nun ganz woanders lebt. Und sie hat nur Gutes gehört von Martin, weil auch Stephan, der gemeinsame Freund, nur Gutes über ihn zu erzählen weiß, obschon er manchmal durchaus als elitärer Idiot auftritt. Nicht Stephan, sondern Martin. Der, der da jetzt auf der anderen Straßenseite in diesem kühlen Nest in Südwestfalen auf dem Bordstein sitzt und geistesabwesend-betrunken mit einer leeren Weinflasche spielt. Kalt ist Maria vor allem deshalb, weil sie erst vor drei Tagen aus Italien zurück gekommen ist. Ein Jahr Florenz, nun wieder hier. Sie hat nun also im Oktober schon die Winterjacke an und isst gemächlich zwei Pommes aus ihrer kleinen Tüte. Laura fragt, ob sie noch zu ihr gehen wollen. Anne wäre dabei, sagt sie. Aber Marie, das ist sehr ungewöhnlich für sie, sagt, dass sie lieber heim gehen wolle um etwas zu schlafen. Lernen, den Umzug in die andere WG vorbereiten, all das schiebt sie vor. Tatsächlich jedoch, aber das wissen die beiden nicht, will sie zu Martin gehen und ihm kühn einige von ihren Pommes anbieten. Sie will ihn nicht abschleppen, sondern nur mal nachsehen. Er ist selten allein, glaubt sie.

Fundstücke

01.03.2010

Alles Gute zur Hochzeit nochmal, liebe "Viebahns"! Und Merci für die Party...

Und hier ein paar Extraimpressionen von der Hochzeit des Jahres:

Noch sind alle zurechnungsfähig. Auch der Bräutigam (links).

Kurz darauf bereits erste Ausfallerscheinungen.

Die Prominenz kam später.

...und begutachtete vom Tresen aus.

Und dem Bräutigam steht die Freude darüber ins Gesicht geschrieben...

Was er kurz darauf auch öffentlich bekundete, während...

....sich das Wegfallen jeglicher Dresscodes und Hemmungen anbahnte:

"That's a Bingo!"

Passender Musiktitel: Richard Ashcroft ~ The Journey

"Die spezifische schweizerische Form der Demokratie hat dem Land eine einzigartige politische Stabilität beschert. Einen schweizerischen Hitler, Mussolini oder Stalin hat es nicht gegeben. Wie kaum ein anderes Volk Europas – vielleicht mit Ausnahme der Engländer - haben sich die Schweizer selbst während der großen Depression der 1930er Jahre als immun gegen die beiden großen Totalitarismen erwiesen. Den „Versuchungen der Unfreiheit“, wie der liberale deutsch-britische Soziologe Ralf Dahrendorf Faschismus und Kommunismus einmal genannt hat, erlag das Schweizer Volk im Gegensatz zu seinen italienischen, deutschen und österreichischen Nachbarn nicht. 

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges herrschen in Westeuropa Demokratie und Stabilität. Warum sollte sich die Schweiz also nicht der EU anschließen? Die Antwort auf diese Frage ist einfach: Weil die direkte Demokratie der Schweiz mit den Regeln der EU nicht zu vereinbaren wäre. Über Gesetze, die für alle Mitgliedsstaaten verbindlich in Brüssel beschlossen würden, könnte es keine Volksabstimmungen mehr geben. Und damit hätte das Land seine raison d´être verloren. Im Gegensatz zu den großen europäischen Nationalstaaten verfügt die multikulturelle Schweiz nämlich über kein Staatsvolk, über keine einheitliche Sprache und Kultur. Die eigentliche Existenzberechtigung des Landes besteht darin, dass es seinen Bürgern ein höheres Maß an Freiheit garantiert als seine Nachbarländer. Man kann den Schweizern deswegen nur raten, auch weiterhin am „Sonderfall Schweiz“ festzuhalten."

Hansjürg Müller bei achgut - aber was hätte wohl Max Frisch dazu gesagt...?

Gestern Abend: Meine Mutter rief an und fragte, ob ich zuhause sei und ob ich dort gerade etwas Bestimmtes zu tun hätte. "Nein." antwortete ich wahrheitsgemäß, denn nach der ersten 3/4-Flasche Wein hatte sich der Kreativitätsschub etwas abgeschwächt. Nun, meinte meine Mutter, auf RBB ("Kriegst du das?") liefe eine Sendung über das Tessin. "Schlager?" fragte ich. Ja, antwortete sie, aber ich könne ja den Ton ausmachen und zumindest die Bilder anschauen, es sei Lugano zu sehen und so. Ich freute mich ein wenig und bedankte mich. Sie wünschte mir viel Kraft, falls ich den Ton eingeschaltet ließe. Ich grinste. 

Ich habe natürlich als allererstes den Ton ausgeschaltet. Aber damit war es ja nicht genug. Für einen Typen, der seinen Lieblingsort gern mit "Übertreibungen in Richtung Wahrheit" schmückt und ein sagen wir mal "besonderes Verhältnis" dazu pflegt, ist es selbst bei gemutetem Ton beinahe unerträglich, was die deutsch-öffentlich-rechtlichen Dritten in die italienische Schweiz karren, um ihnen ein audiovisuelles Forum für ihren schmierigen Auftritt zu bieten. Ich war entsetzt. "Die Cappuccinos" in Morcote? "Semino Rossi" in unverantwortlich-unmittelbarer Nähe des UNESCO-Weltnaturerbes am Monte San Giorgio? Und einen Schweizer (warum sehen eigentlich alle Musiker in der Schweiz aus wie DJ Bobo?) namens "Leonard", der, getarnt als seriöser Moderator, halbgar-lächelnden Schlagersternchen in Grotti belanglose Fragen stellen und dann auch noch singen darf? Ich habe die Höhepunkte der Sendung einmal zusammengestellt, sie grenzen an Blasphemie:

Der Wahnsinn, oder? Ich meine...was machen die da? Zwei durchgedrehte Holländer und zwei Ossis mit Schlafzimmerblick, die sich tatsächlich "Die Cappuccinos" nennen - mal sitzend, mal lasziv im Durchgang hängend, generell völlig deplatziert und dann auch noch schlecht angezogen! Das ist noch schlimmer als die sonst üblichen Touristen in Trekking-Sandalen...

Das ist ganz besonders hart jetzt. Er steht auf dem Monte San Salvatore, so angekleidet wie alle Schlagerstars in ÖR-TV-Produktionen (irgendwas muss entweder glitzern, oder zumindest eine skurrile Farbe haben) und macht die standardisierten Bewegungen mit seinen Armen, die Schlagerstars halt so machen. Dazu dieses ebenfalls normiert-schleimig-hinterhältig-widerwärtige Grinsen bei nur halb geöffneten Augen, das auf unerklärliche Weise Assoziationen mit Herpes-simplex weckt...mittlerweile war die Sendung die Herausforderung am Sonntagabend.

An dieser Stelle achtete ich ganz besonders auf die, mir schon vorher negativ  aufgefallene, Gürtelschnalle von "Leonard", und in der Tat...es steht tatsächlich "Fighter" drauf, besonders gut zu erkennen, wenn er nach rechts wippt und die Schlagersängergeste mit dem "Nachobenschauen, die Hände gen Himmel recken und neckisch dabei grinsen" in erschreckender, geradezu furchteinflößender Perfektion demonstriert. Und niemand, nein niemand kommt auf die Idee, ihn einfach während des Drehs in den See zu treten...

Ein Gutes hat die Produktion solcher Schunkelschmonzetten aber vielleicht doch: Niemand, der verreisen möchte, bei Trost und unter 60 ist, wird das Risiko eingehen, diesem verkackten Kuriositätenkabinett im Tessin womöglich beim Dreh für ARD und ZDF über den Weg zu laufen - was eine touristische Wiederentdeckung der Region durch die nächste Generation verhindert und uns altgedienten Tessinfahrern eventuell mehr freie Parkplätze beschert. Diese sind durch herumstehende Benninghoff-Rentnerreisebusse ("Drei Tage Dolce Vita im Tessin für 320€"!) eh schon knapp genug. 

Glücklicherweise gibt es ja noch andere mediale Zugänge zum Tessin. Vier seien hier exemplarisch erwähnt:

"The real Lugano" von Tony Resta mit Impressionen vom "Block". Der kommende Star am Tessiner Rap-Himmel hat mit "Lugano" sogar eine Hymne auf das Gangsterleben in der Südschweiz in petto. Im Parco Ciani treffen wir den jungen Mann allerdings nur abends - wenn schon abgeschlossen ist. Deutlich besser übrigens die "Metro Stars":

Für diejenigen Seiten der Tessiner Landschaft, die den "Cappuccinos" wahrscheinlich lebenslang vorenthalten bleiben, empfiehlt sich ein Blick auf die 360°-Fotos bei ti360.org, wo der Mann mit der Kamera auch ein Blog mit kurzen Videos betreibt. 

Zu guter Letzt mal wieder die NZZ, bzw. Moritz Dressel von NZZcampus, der einen studentischen Blick im Rahmen der Serie "Sex & Stadt" auf Lugano wirft. Italienisch Eins reicht leider wohl nicht für ein Auslandssemester dort...

Happy End

22.02.2010

Text von 18.10.2009, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: Schiller ~ Try (feat. Nadia Ali)

Eigentlich war für diese Geschichte ein Happy End vorgesehen. Allerdings kam das dann anders. Niemand hätte gedacht, dass der Text mit unterlassener Hilfeleistung und Tod durch Ertrinken, oder vielleicht gar mit vorsätzlichem Mord enden würde. Bemerkenswerterweise vor allem nicht der Autor. Spannend wird deswegen die Umsetzung der Tatsachen in der literarischen Fortsetzung – wenn nicht gar unmöglich. Der Text war versprochen, was ihm für mich in diesem bestimmten Kontext allein schon die Qualität abspricht. Es ist ja eigentlich viel zu leicht, dummen Hass in Sätze zu gießen und zuzusehen, wie sie dann ihre Löcher brennen. Nähme man etwa an, man könne diesen Hass so verpacken, dass er trifft, dass er weckt und dass er so über Umwege zum Lebensretter wird – vielleicht wäre das Unterfangen eine Herausforderung. Diesmal liegen aber die Dinge anders, denn er kann unmöglich treffen. Es gibt nichts mehr, das bluten könnte. Und es gibt auch nichts mehr, das sich zu retten lohnte. Beim letzten Text war das anders, aber die Sache mit dem Kartenhaus war eine lausige Idee. Sie war abgegriffen wie Restaurantbesteck, zeugte im Gegensatz einiger Meinungen keineswegs von kreativer Auseinandersetzung und beteuertem Gefühl, vielmehr erschien sie ihm nun zynisch. Er hatte versucht, mit dem Defibrillator eine bereits schimmelnde Leiche wiederzubeleben. Und damit meinte er nicht sie, sondern das Dazwischen. Er erinnerte sich, dass die Sache eigentlich sanft und sinnvoll angefangen hatte. Dass sie während vieler Tage eine wohlige und manchmal rauschhafte Seite in einem viel längeren Buch hätte abgeben können. Darüber waren viele Worte verloren worden, keines davon an sie. Bitterkeit und der Gedanke, Zeit und vor allem Gefühl verschwendet zu haben ersetzten alles, was vorher war. Ein Zersetzungsprozess, der sonst von Bakterien übernommen wird und üble Gerüche erzeugt, nahm seinen Lauf, begünstigt von allerlei Umständen, über die man einen eigenen Text, oder mehrere davon, hätte schreiben können. Es gab nun, da dieser Prozess nach Wochen und Monaten endlich abgeschlossen zu sein schien, nichts mehr, das sich literarisch verpacken ließe. Metaphern, Symbole und Allegorien brauchen Referenzen im Hier und Jetzt, damit sie funktionieren. Diese Referenzen sind im besten Sinne organisch entsorgt, sie haben sich verwandelt in ein zähes Gemenge irgendwo weit hinten, das bei Kontakt hin und wieder noch zuckt. Dieser Zustand, dieses morastige, tiefe und unangenehme Etwas, ist bedauerlich. Bei seiner würdelosen Beerdigung spuckte jemand auf den Sarg, genau in dem Moment, da alle die Augen schlossen um auf trostvolle Worte zu warten. Interessant, dass niemand sich beschwerte, nicht? Es gab verständnisvolles Nicken, hier und da ein leises Kopfschütteln und –weiter hinten- Leute mit Kopfhörern und wippenden Füßen, aber niemand sagte etwas. Als die gesamte Gesellschaft den bemitleidenswerten Friedhof verlassen hatte, pinkelte ein Hund auf die frische Erde oberhalb eines leeren Sargs, während andernorts schon wieder die Korken knallten. Dieses erbärmliche Schauspiel sah nur ein kastrierter Schatten, der an den schäbig kopierten, pseudorömischen Säulen eines Familienmausoleums lehnte und dabei war, eine kümmerliche Zigarette zu drehen. Währenddessen, keine Ahnung wieso, regnet es nicht, obwohl es schön wäre, und irgendwo im Radio läuft das Zeug, das gerade alle hören. So habe ich mir das vorgestellt, und er sich natürlich auch. Was wir nun weiterhin vorfinden, sind die Zwei, die eigentlich hätten im Sarg liegen sollen. Allerdings, Sie ahnen es, sind sie ganz woanders. Sie, etwas zugelegt an den unvorteilhaften Stellen, entspannt in einer Schlammpackung irgendwo auf einer zahlungsunfähigen Insel die auch schon von den Nazis überrannt wurde. Er, wieder genau da, wo er immer war und nie sein wollte, aufwachend neben Leuten, die er nicht kennt und die Nase rümpfend über Leute, die er flüchtig kennt. Er hat die fünfte Staffel ohne sie zu Ende geschaut. Seit der Sache auf offener See hat er auch nicht mehr Karten gespielt. Und wir? Wir schauen zu, so wie der Rest. Hier und da verbandeln wir uns mit einer der beiden Personen, hier und da sind wir parteiisch, manchmal stellen wir uns blöd. Uns eint, dass es irgendwo weiter innen dieses Unwohlsein gibt, das sich einstellt, wenn man etwas nicht so gemacht hat, wie man dachte, es machen zu können. Bei einigen von uns ist dieses Gefühl ausgeprägter als bei anderen. Und die, die es zwischenmenschlich nicht haben, haben es sonstwo. Das Ganze ist ein Lamento auf niedrigem Niveau. Es wäre vermessen, nach der ekelerregenden Sache an Bord der letzten Karte im Spiel die Keule des Vorwurfs auf Köpfe zu schlagen, die den Mund nicht öffnen. Denn eigentlich ist der Schrei des Entsetzens doch genau das, was wir hören wollen. Es lohnt nicht, zu schlagen, wenn schon alles totgeschlagen ist. Eine Leiche ist eine Leiche, man kann sie bedauern, aber man kann sie nicht wecken. Jemand, der das neuerdings weiß, steht gerade am Grab und raucht. Und wenn er fertig ist, wirft er die Zigarette in eine Pfütze aus Hundeurin auf frischem Humus um zu schauen, wie sie unter Zischen erlischt. Wenn er seinen Schatten dann an die Hand nimmt, der ist widerwillig und schaut stets lieber nach hinten als nach vorne, und geht, wissen wir, dass all das eher Lehrstück war als Drama. 

Text von 20.02.2010, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: Yeasayer ~ Madder Red

Während der Wagen über die Autobahn schleudert, gerade so, als säße ich gar nicht am Steuer, als wäre ich vielmehr unbeteiligter Zuschauer mit den Händen am Lenkrad, fällt mir erneut die schleierhafte Liste mit den altmodisch-vergessenen Worten ein. Ich weiß nicht mehr, wann das erste von ihnen auf dieser Liste landete, und ob sie abgeschlossen ist, diese Liste, das weiß ich auch nicht. Linke Spur jetzt, mit Bodenwellen, bald auch wieder weiter rechts, denn ein Auto aus dem Lahn-Dill-Kreis blockiert die Linke mit etwa 80. Obwohl 100 erlaubt wäre. Ein Opa, gesehen im linken Seitenspiegel, kurz nachdem ich mit im Uhrzeigersinn sich bewegender Drehzahlnadel wieder vor ihm einschere, da rechts ein LKW ist. Irgendwo weiter vorne, mit knallgelbem Auflieger. Der Opa gestikuliert, ich habe derweil reglos drei der Worte zusammen. Es sind "Wallung", "Wahrhaftigkeit" und "Erhabenheit". Wieso sie mir bei über 180 in den Sinn gekommen sind, etwa vierundzwanzig Minuten nach dem gesetzeswidrigen Herumdrehen des Zündschlüssels aufgrund sogar noch spürbaren Restalkohols im Kopf, und vor allem im Blut, ist mir ein Rätsel. Noch etwa vierhundert Kilometer jetzt und die Liste füllt sich weiter. Etwas hastig ein Spurwechsel, es sind nun drei an der Zahl. Spuren, nicht Worte. Davon hab ich nun schon fünf. Aber das Fünfte, "Liebe", verwerfe ich wieder, da ich mir überlege, während ich den Scheibenwischer betätige um lästige Insekteninnereien aus dem Sichtfeld zu schmieren, dass dieses Wort nur im ursprünglichen Sinne antiquiert ist und der deutsche Durchschnittsmensch mit eben dieser ursprünglichen Bedeutung, welche das auch sein mag, keinerlei Beziehung pflegt. Ah, sehr schön. Staus nur in der anderen Richtung, oder doch zumindest weit hinter mir, Gambacher Kreuz, Frankfurter Kreuz und ein umgekippter LKW bei Darmstadt. Ich denke an den Film "Redneck Zombies", denn irgendwie verlieren umgekippte LKWs doch garantiert übelste Chemikalien, die dann von den Locals nichtsahnend über rohen Fisch aus dem beschaulichen Fluss aufgenommen und ins Erbgut eingebaut werden - nur um dann postwendend das romantische Dörfchen fünfzehn Kilometer nördlich des Kaiserstuhls, gerade rechts von mir, in eine apokalyptische Open-Air-Metzgerei zu verwandeln. Zombies, Chemikalien, wer kennt diese Gefahren nicht? Die Lösung ist bei Romero immer das Militär. Und dann, es kommt wie es kommen muss (ich liebe diesen Satz, wollte ihn schon immer mal aufschreiben!): die Army ist auch nicht zuverlässig, in Wirklichkeit wollen sie niemandem helfen, sondern...ach je, am Ende sind die in Uniform und Gasmaske ja fast schlimmer als die Zombies. Wenn wir aber ehrlich sind, könnte eine Großoffensive an erbgutmanipulierten, blutrünstigen Zombies Süddeutschland eigentlich auch mal ganz gut tun. Während ich einen dieser endlos beschissen-klischeezuckergussüberzogenen und vor allem langsamen Trabanten überhole, kommt mir der Gedanke, dass all die Worte auf meiner kleinen Liste weder zu Zombies noch zu Süddeutschland passen. Und natürlich frage ich mich, wieso. Mensch, sag ich mir, vielleicht solltest du mit dem Restalkohol mal etwas langsamer fahren. Und die Kippe ist auch schon recht weit runter gebrannt, du könntest dich verbrennen und erschrecken. Und das Lenkrad herum reißen, wie in den Filmen. Jetzt wieder Big Lebowski. Und statt des TP, das ist eine Abkürzung für Traffic Pilot, dieses Ding, das Alte-Mercedes-Fahrer immer so krass erschreckt, weil es die Staus und Nachrichten so laut ansagt, dass auch der polnische Trucker ein paar Meter rechts oben von dir noch mitbekommt, wo die A5 gesperrt ist, höre ich grad am Titel vorbei "Lookin' Out My Back Door" von CCR, einer Band, die mein Vater stets für großartig hielt. Jacky Treehorn, nicht wahr? 

Ich habe angehalten. Musste mal kurz raus und auf einer dieser Bänke, die an allen deutschen Autobahnparkplätzen stehen, die mit dem Kiesbeton und den dunkelbraunen Holzlatten, immer im Trio mit poliertem Kiesbetontisch, eine rauchen, ohne Angst haben zu müssen, eine der abertausend Bodenwellen auf der A5 entrisse mir das einhändig bediente Steuer. Noch ein paar Kilometer, sage ich mir, dann ist die Liste mit den fünfzehn Worten vollständig. Nummer vier war übrigens "Scham".

che cosa?

12.02.2010

der tag

12.02.2010

Massengebet für Strom in Venezuela

Angesichts der Energiekrise in Venezuela hat einer der wichtigsten staatlichen Versorger zu einem Massen-Gebet für mehr Strom aufgerufen.

Der Chef von Electricidad del Caroni bat alle Mitarbeiter, «Gott anzurufen, auf dass er dem Energiesektor hilft». Das gemeinsame Gebet für eine Besserung der Stromversorgung in Venezuela soll zwei Stunden dauern und am Freitagnachmittag im Elektrizitätswerk in Puerto Ordaz stattfinden, etwa 500 Kilometer südlich von Caracas, wie aus einem am Mittwoch in den Medien veröffentlichten Schreiben hervorgeht. In Venezuela gibt es derzeit immer wieder Stromausfälle.

Die Regierung führt das auf die ungewöhnliche Trockenheit zurück, die die Wasserkraftwerke des Landes lahmlegte.

Quelle: nzz.ch

Kommentar: "...erst passiert nichts, dann wird der Sand knapp!"

 

Seiten:«Vorherige1, 2, 3, 4, ... 7 Nächste»