Text von 18.10.2009, zuerst erschienen: hier
Passender Musiktitel: Schiller ~ Try (feat. Nadia Ali)
Eigentlich war für diese Geschichte ein Happy End vorgesehen. Allerdings kam das dann anders. Niemand hätte gedacht, dass der Text mit unterlassener Hilfeleistung und Tod durch Ertrinken, oder vielleicht gar mit vorsätzlichem Mord enden würde. Bemerkenswerterweise vor allem nicht der Autor. Spannend wird deswegen die Umsetzung der Tatsachen in der literarischen Fortsetzung – wenn nicht gar unmöglich. Der Text war versprochen, was ihm für mich in diesem bestimmten Kontext allein schon die Qualität abspricht. Es ist ja eigentlich viel zu leicht, dummen Hass in Sätze zu gießen und zuzusehen, wie sie dann ihre Löcher brennen. Nähme man etwa an, man könne diesen Hass so verpacken, dass er trifft, dass er weckt und dass er so über Umwege zum Lebensretter wird – vielleicht wäre das Unterfangen eine Herausforderung. Diesmal liegen aber die Dinge anders, denn er kann unmöglich treffen. Es gibt nichts mehr, das bluten könnte. Und es gibt auch nichts mehr, das sich zu retten lohnte. Beim letzten Text war das anders, aber die Sache mit dem Kartenhaus war eine lausige Idee. Sie war abgegriffen wie Restaurantbesteck, zeugte im Gegensatz einiger Meinungen keineswegs von kreativer Auseinandersetzung und beteuertem Gefühl, vielmehr erschien sie ihm nun zynisch. Er hatte versucht, mit dem Defibrillator eine bereits schimmelnde Leiche wiederzubeleben. Und damit meinte er nicht sie, sondern das Dazwischen. Er erinnerte sich, dass die Sache eigentlich sanft und sinnvoll angefangen hatte. Dass sie während vieler Tage eine wohlige und manchmal rauschhafte Seite in einem viel längeren Buch hätte abgeben können. Darüber waren viele Worte verloren worden, keines davon an sie. Bitterkeit und der Gedanke, Zeit und vor allem Gefühl verschwendet zu haben ersetzten alles, was vorher war. Ein Zersetzungsprozess, der sonst von Bakterien übernommen wird und üble Gerüche erzeugt, nahm seinen Lauf, begünstigt von allerlei Umständen, über die man einen eigenen Text, oder mehrere davon, hätte schreiben können. Es gab nun, da dieser Prozess nach Wochen und Monaten endlich abgeschlossen zu sein schien, nichts mehr, das sich literarisch verpacken ließe. Metaphern, Symbole und Allegorien brauchen Referenzen im Hier und Jetzt, damit sie funktionieren. Diese Referenzen sind im besten Sinne organisch entsorgt, sie haben sich verwandelt in ein zähes Gemenge irgendwo weit hinten, das bei Kontakt hin und wieder noch zuckt. Dieser Zustand, dieses morastige, tiefe und unangenehme Etwas, ist bedauerlich. Bei seiner würdelosen Beerdigung spuckte jemand auf den Sarg, genau in dem Moment, da alle die Augen schlossen um auf trostvolle Worte zu warten. Interessant, dass niemand sich beschwerte, nicht? Es gab verständnisvolles Nicken, hier und da ein leises Kopfschütteln und –weiter hinten- Leute mit Kopfhörern und wippenden Füßen, aber niemand sagte etwas. Als die gesamte Gesellschaft den bemitleidenswerten Friedhof verlassen hatte, pinkelte ein Hund auf die frische Erde oberhalb eines leeren Sargs, während andernorts schon wieder die Korken knallten. Dieses erbärmliche Schauspiel sah nur ein kastrierter Schatten, der an den schäbig kopierten, pseudorömischen Säulen eines Familienmausoleums lehnte und dabei war, eine kümmerliche Zigarette zu drehen. Währenddessen, keine Ahnung wieso, regnet es nicht, obwohl es schön wäre, und irgendwo im Radio läuft das Zeug, das gerade alle hören. So habe ich mir das vorgestellt, und er sich natürlich auch. Was wir nun weiterhin vorfinden, sind die Zwei, die eigentlich hätten im Sarg liegen sollen. Allerdings, Sie ahnen es, sind sie ganz woanders. Sie, etwas zugelegt an den unvorteilhaften Stellen, entspannt in einer Schlammpackung irgendwo auf einer zahlungsunfähigen Insel die auch schon von den Nazis überrannt wurde. Er, wieder genau da, wo er immer war und nie sein wollte, aufwachend neben Leuten, die er nicht kennt und die Nase rümpfend über Leute, die er flüchtig kennt. Er hat die fünfte Staffel ohne sie zu Ende geschaut. Seit der Sache auf offener See hat er auch nicht mehr Karten gespielt. Und wir? Wir schauen zu, so wie der Rest. Hier und da verbandeln wir uns mit einer der beiden Personen, hier und da sind wir parteiisch, manchmal stellen wir uns blöd. Uns eint, dass es irgendwo weiter innen dieses Unwohlsein gibt, das sich einstellt, wenn man etwas nicht so gemacht hat, wie man dachte, es machen zu können. Bei einigen von uns ist dieses Gefühl ausgeprägter als bei anderen. Und die, die es zwischenmenschlich nicht haben, haben es sonstwo. Das Ganze ist ein Lamento auf niedrigem Niveau. Es wäre vermessen, nach der ekelerregenden Sache an Bord der letzten Karte im Spiel die Keule des Vorwurfs auf Köpfe zu schlagen, die den Mund nicht öffnen. Denn eigentlich ist der Schrei des Entsetzens doch genau das, was wir hören wollen. Es lohnt nicht, zu schlagen, wenn schon alles totgeschlagen ist. Eine Leiche ist eine Leiche, man kann sie bedauern, aber man kann sie nicht wecken. Jemand, der das neuerdings weiß, steht gerade am Grab und raucht. Und wenn er fertig ist, wirft er die Zigarette in eine Pfütze aus Hundeurin auf frischem Humus um zu schauen, wie sie unter Zischen erlischt. Wenn er seinen Schatten dann an die Hand nimmt, der ist widerwillig und schaut stets lieber nach hinten als nach vorne, und geht, wissen wir, dass all das eher Lehrstück war als Drama.